Es ist schwierig in Zeiten wankelmütiger Politik, ein Editorial zu schreiben. Wo die Halbwertszeit von Gesetzen in Monaten gemessen wird, da ist auch gedrucktes Papier schnell Makulatur. Fakt ist: Gerade zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe von Hotel&Technik setzen sich die Damen und Herren Koalitionäre zusammen, um eine der wenigen greifbaren Entscheidungen in ihrer gemeinsamen Regierungszeit in Frage zu stellen. Der niedrige Mehrwertsteuersatz für Hotelübernachtungen soll auf den Prüfstand. Nach gerade mal fünf Monaten scheint den Politikern ihr Gerede von damals Wurst zu sein. Ich bin fassungslos: Noch im Januar hat sich die FDP als Steuersenkungspartei feiern lassen; heute wollen Teile der Partei genau das Gegenteil. Man muss ziemlich schmerzfrei sein, um dies zu ertragen.
Dabei sind die Erfolge der Reform nicht von der Hand zu weisen. Die Anpassung des Mehrwertsteuersatzes an die Gegebenheiten unserer Nachbarländer hat quer durch die Branche positive Effekte bewirkt. Nach einer Dehoga-Umfrage wurden bereits jetzt rund 682 Millionen Euro investiert oder projektiert, fast 5.000 neue Arbeitskräfte wurden eingestellt; darüber hinaus senkte jedes dritte Hotel seine Preise. Wenn das keine Erfolgsbilanz ist! All dies ist geschehen, weil verantwortungsvolle Hoteliers der Regierung und dem bestehenden Koalitionsvertrag vertraut haben.
Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln – was derzeit in Berlin passiert, ist verantwortungslos. Unternehmer brauchen Planungs-sicherheit. Wer jetzt die reduzierte Mehrwertsteuer für Übernachtungen auch nur in Frage stellt, handelt grob fahrlässig und riskiert die selbsterfüllende Prophezeiung. Denn welcher vorausschauende Hotelier macht jetzt noch mit Überzeugung, was die Politik von ihm erwartet? Und auch diese Frage muss erlaubt sein: Was passiert mit jenen, die im Vertrauen auf die Politik bereits investiert oder zusätzliche Mitarbeiter ein- und Ausbildungsplätze bereitgestellt haben?
Unsere wankelmütigen Abgeordneten spielen ein schlechtes Spiel. Gerade jetzt, wo das zarte Pflänzchen erste verheißungsvolle Triebe bildet. Diese Verunsicherung ist Gift, weil sie die Mutigen abhält und den Verweigerern in der Branche Argumente liefert.
Geduld ist gefragt – und eine positive Begleitung. Die gesamten positiven Effekte der Mehrwertsteuerreduzierung lassen sich erst dann zahlenmäßig fassen, wenn Zeit ins Land gegangen ist und die Hoteliers die Auswirkungen in der Kasse spüren. Symptomatisch die Strategie einer Gastgeberin. Sie sagte mir: „Erst will ich das Geld verdienen, bevor ich es ausgebe.“ Eine Praxis übrigens, die sie völlig von den Politikern unterscheidet. Dass sie nach der Saison in ihre Gästezimmer investieren will, ließ sie aber außer Frage.
Sofern Sie sich nach dieser politischen Seifenoper noch traut.
Meint Ihr
Arnulf Hettrich
Chefredakteur
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