Hotel&Reportage

Leonardo Royal Hotel, Berlin
 
Last-Minute-Idee
 
„Es ist ein recht komplexes Produkt“, sagt die Direktorin zufrieden über ihr Hotel. In erster Linie hat Gabriele Maessen Business-Gäste im Visier, die ihre 346 Zimmer und Suiten belegen sollen. Beinahe aber wäre es anders gekommen. Denn das Kernstück des neuen Hotels „Leonardo Royal“ in Berlin ist eine Last-Minute-Idee. Im Januar wurde der Ballsaal eröffnet – jetzt ist das Hotel komplett.
Die Pläne waren längst genehmigt, die Bauarbeiter bereits am Werk, als die designierte Hotelchefin einen Geistesblitz hatte: der Innenhof des ehrgeizigen Hotelprojekts ist doch prima geeignet für einen Ballsaal, dachte sie. Das war vor gerade mal 20 Monaten. Dort, wo noch ein unspektakulärer Parkplatz war, sollte ein Anbau entstehen für Konferenzen, Präsentationen und Bankette. So etwas gab es nicht im Osten Berlins, und schon gar nicht rund um dem Alexanderplatz. Ein ideales Alleinstellungsmerkmal, das helfen sollte, die nicht unwesentliche Bettenkapazität auszulasten. Fast 700 Betten und 300 Sitzplätze im Restaurant füllen sich schließlich nicht von selbst. Schon gar nicht in Berlin, einem hart umkämpften Standort für Hotels und stetigem Schauplatz von Neueröffnungen gerade auch im oberen Segment.
So gut die Idee von Gabriele Maessen war: Einfacher sollte das Projekt deshalb nicht werden. Eine der leichteren Übungen war es dabei noch, den künftigen Hotelbesitzer zu überzeugen. Mit dem Ballsaal stieg für den israelischen Geschäftsmann David Fattal die Investitionssumme allerdings auf 50 Millionen Euro für das Vier-Sterne-Superior-Hotel „Leonardo Royal“, dem neuen Flagschiff seiner Gruppe. Weit schwieriger gestaltete sich dann die Aufgabe, die Vorstellungen zu konkretisieren und mit den Verhältnissen in einem denkmalgeschützten Umfeld zu synchronisieren; nicht zuletzt musste auch die Bank ins Boot geholt werden. Viel Überzeugungsarbeit war notwendig, um den Finanzierungsplan nachträglich zu korrigieren – zumal der zusätzliche Geldbedarf mitten rein platzte in die Finanz- und Bankenkrise.
Wie auch immer: Sie haben es geschafft. 20 Monate nach der ersten Idee konnte im Januar 2010 der neue Ballsaal festlich eröffnet werden. 500 Quadratmeter lassen sich hier in drei Bereiche teilen, der Boden ist tragfähig und verkraftet auch Automobilpräsentationen, die Deckenhöhe beträgt 4,50 Meter – eine ansehliche Veranstaltungsfläche ist entstanden im Innenhof des hufeisenförmigen Hotelgebäudes.
Trotz seiner Größe ordnet sich der Ballsaal den Gegebenheiten unter, nicht zuletzt auch deshalb, weil das Hauptgebäude wuchtig daherkommt und einen markanten Rahmen bietet.
 
  Wie eine Kathedrale präsentiert sich das Foyer im Hotel „Leonardo Royal“. Die 1956 erbaute Halle im Art-Déco-Stil steht unter Denkmalschutz.
 

Befindet man sich aber erst einmal im Hauptgebäude des Hotels, wirkt es gar nicht mehr so groß. Das kommt unter anderem daher, dass ein kleiner, zur Hauptstraße gelegener Flügel einen falschen Eindruck entstehen lässt. Die meisten Zimmer liegen im hinteren, der Straße abgewandten Bereich, insgesamt wächst das Gebäude sieben Etagen empor. Die oberste Etage bleibt den Freunden von Sport und Entspannung vorbehalten. Zwei Saunen und ein Dampfbad sind nur drei der Highlights, ein weiteres präsentiert sich beim Blick aus dem Fenster: Der Berliner Fernsehturm scheint zum Greifen nach. Allerdings ist der Blick auf die unmittelbare Nachbarschaft durch eine umlaufende Balustrade beeinträchtigt – dem Denkmalschutz ist dies geschuldet.

Auf Expansionskurs

60 Hotel gehören heute zum Portfolio der israelischen Fattal-Gruppe; die Hälfte in Israel, die andere Hälfte in Europa, wo sie unter dem Markendach Leonardo zusammengefasst sind. Die rund 30 europäischen Häuser sind in Belgien und in der Schweiz, mit 23 ist Deutschland stärkste Destination in Europa. Flagschiff und erstes Hotel der Premium-Marke Royal ist das Berliner Haus nahe dem Alexanderplatz. Daniel Roger, General Manager Leonardo Hotels Europe, will weitere Marken platzieren: „In München am Olympiapark eröffnet Ende 2010 das zweite Royal mit 426 Zimmern.“ Die Positionierung der Exklusivmarken „Leonardo Royal“ und „Leonardo Boutique“ an weiteren Standorten ist Teil des starken Expansionskurses der Gruppe – im Budget-Bereich sind Positionierungen der Marken „Leonardo Suites“ und „Leonardo Inn“ geplant. In fünf Jahren, so der ehrgeizige Plan, will Eigentümer David Fattal 100 Hotels haben, auch denkt er darüber nach, die Stammhäuser in Israel der europäischen Markenstrategie zu unterziehen. Der Marken-Claim lautet: „The Art to feel at home“.
Der Umbau des Berliner Vier-Superior-Sterne-Hauses geschah zwischen März 2008 und August 2009.

Weite Wege für das Personal

Dabei wurde das Gebäude komplett entkernt, um eine optimale Aufteilung zu erreichen – so optimal, wie es beim Bauen im Bestand eben möglich ist. Das Personal hat weite Wege zu gehen, und Gäste, die beim Frühstücksbüfett einen Platz im vorderen Bereich gewählt haben, müssen sich sputen. Denn sonst ist das Frühstücksei schon wieder kalt, wenn sie sich an ihren Tisch setzen. Gelungen ist aber zweifelsfrei die Raumaufteilung im Restaurant Vitruv, das immerhin 300 Plätze hat. Versteckt in Nischen, gegliedert durch Säulen und tragende Wände aus Zeiten der Vornutzung, wirkt das Hotel insgesamt sehr aufgeräumt und ruhig. Zu keiner Zeit entsteht das Gefühl, in einem mit fast 700 Betten doch schon recht großen Hotelbetrieb zu sein.
Der Hoteleingang befindet sich an der Otto-Braun-Straße, einer vierspurigen Allee, die gesäumt ist von typischen Plattenbauten. Keine wirklich schmucke Straße, aber die Nähe zum Alexanderplatz entschädigt für die Nachbarschaft. Die Eingangshalle ist mächtig, denkmalgeschützt und mit prächtigen Art-Déco-Leuchten ausgestattet. Die Innenarchitekten haben es gut verstanden, diesen prägenden Elementen ihre Wirkung zu belassen und sie nicht mit Zierrat eines heutigen Ausstattungskataloges aufzuhübschen. Hier ist alles echt und gradlinig – bis hin zur Rezeption, die etwas versteckt in der ehemaligen Portiersloge untergebracht ist.

Ein Foyer, das Eindruck macht

Erbaut wurde das Gebäude 1956 von der VEB Kraftwerksanlagenbau der DDR. Historisierend wurden hier alle Register gezogen, das acht Meter hohe Foyer sollte Eindruck machten – und das tut es auch noch heute. Behutsam gingen die Architekten mit der Bausubstanz um, neben den Leuchten blieb auch der Steinfußboden unangetastet. Lediglich ein Mauerdurchbruch zur Bar greift in die frühere Raumnutzung ein; dies war aber erforderlich, um den rückwärtigen Restaurationsbereich auch optisch anzubinden. Ein gläserner Tresen fungiert als Bindeglied und zieht den Gast gewissermaßen nach hinten zur Lounge Leo 90 und ins Restaurant Vitruv.
Aufgabe der Planer war es, ein Hotel zu entwickeln, dem man die Vornutzung durchaus ansehen darf – es sollte keinesfalls ein seelenloses Haus entstehen. Denn davon, so die Einschätzung der Bauherren, gibt es eh schon viel zu viele. „Die Atmosphäre eines Industrie-Denkmals sollte rüberkommen, der Gast atmet Geschichte mit jedem Atemzug“, freut sich die Direktorin. Die Zimmer wirken frisch und angenehm puristisch, aber nicht unterkühlt. Warme Farben vermitteln ein Gefühl der Geborgenheit.
Besonders stolz ist die Direktorin übrigens auf die Damenzimmer. Gabriele Maessen spricht von einem „harmonisch farbbewussten Raumdesign mit exklusiver lady-like-Ausstattung“. Die Wände sind lindgrün und fliederfarben getüncht, in den Bilderrahmen befinden sich florale Motive. Und die Minibar bietet Prosecco statt Flaschenbier; Schlafbrille und Pflaster mit Swarovski-Kristallen gehören zur Standardausstattung. Ebenso ein Riechsäckchen mit echtem Lavendel und eine Wärmeflasche für die einsame Nacht.
Arnulf Hettrich

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